
von Richtig WiSSEN
05.06.2026
„Ich habe keinen Stern zur Welt gebracht. Ich habe meinen Sohn geboren.“
Wir sind auf Janina aufmerksam geworden, weil sie über etwas spricht, das viele Menschen kaum aushalten können: den Tod eines Kindes. Nicht abstrakt. Nicht vorsichtig. Sondern mitten hinein in eine Erfahrung, die alles verändert.
Janina ist 42 Jahre alt, lebt in Hamburg und hat am 03. September 2024 ihren erstgeborenen Sohn Titus still zur Welt gebracht. In der 36. Schwangerschaftswoche. Titus war 55 Zentimeter groß, wog 4,2 Kilogramm und hatte acht Monate in ihrem Bauch gelebt. Janina und ihre Familie hatten mit ihm gesprochen, ihn im Ultraschall gesehen, seine Bewegungen gespürt und auf ihn gewartet.
Dann kam die Geburt. Still. Und danach drei Tage des Abschieds.
Was bleibt, ist nicht nur Trauer. Es ist Liebe. Wut. Sehnsucht. Sprachlosigkeit. Und der Wunsch, dass andere Eltern in dieser Situation nicht allein bleiben. Aus ihrem Schmerz heraus hat Janina einen Podcast ins Leben gerufen, eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin absolviert und begleitet heute verwaiste Eltern und Großeltern. Außerdem unterstützt sie Führungskräfte und Unternehmen dabei, handlungs- und sprachfähig zu bleiben, wenn Mitarbeitende trauern.
Im Interview spricht Janina über ihren Sohn Titus, über verletzende Worte, gesellschaftliche Unsicherheit, die stille Trauer von Großeltern und darüber, warum Trauer auch am Arbeitsplatz gesehen werden muss.

Auf der JoinMe-Bühne, dem 4-Minuten-Storytelling-Format für Botschaften, die bewegen, hat Janina Krüger ihre Geschichte über stille Geburt und Trauer erzählt.
Mein Name ist Janina, ich bin 42 Jahre jung und lebe in Hamburg. Ich habe meinen erstgeborenen Sohn am 03.09.2024 still zur Welt gebracht, in der 36. Schwangerschaftswoche.
Heute habe ich einen Podcast ins Leben gerufen, der nicht nur aufklären, sondern Betroffenen auch Mut machen soll. Außerdem biete ich Trauerbegleitungen für verwaiste Eltern und Großeltern an. Ich coache Führungskräfte im Ausnahmefall, wenn Mitarbeitende trauern, und mache sie sowohl handlungs- als auch sprachfähig für Krisensituationen.
Für mich war klar: Mein Leben kann nach dem Tod meines Kindes nicht einfach so weitergehen wie bisher.
Trauer ist vielschichtig und bei jedem Menschen unterschiedlich. Eine Facette kann sein, dass man enorme Energie schöpft, um dem Kontrollverlust nach dem Verlust des eigenen Kindes etwas entgegenzusetzen. Man möchte wieder irgendetwas in die Hand nehmen. Wieder Kontrolle gewinnen.
So war es auch bei mir. Die Wut und der Wunsch, etwas zu verändern und über diesen tiefgreifenden Verlust aufzuklären, haben mich dazu gebracht, eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin zu machen.
Dazu kam die Erkenntnis, dass meine Mutter sehr gelitten hat. Sie war machtlos, konnte ihrer eigenen Tochter die Trauer nicht nehmen und trauerte gleichzeitig um ihren sehnsüchtig erwarteten Enkel.
Ehrlicherweise nervt mich der Begriff „Sternenkind“ sehr oft. Denn ich habe keinen Stern zur Welt gebracht, sondern mein völlig fertig ausgereiftes Kind mit 4,2 Kilogramm und 55 Zentimetern.
Und auch eine Mama in der 13. Schwangerschaftswoche bringt keinen Stern zur Welt, sondern ein kleines Baby, bei dem bereits Zehen und Hände ausgeprägt sind.
Oft wird dieser Begriff verwendet, um es gesellschaftlich und für das Gegenüber erträglicher zu machen, weil es niedlicher klingt als Totgeburt. Aber für uns Eltern fühlt es sich oft wie eine Relativierung des Schmerzes an.
Ich habe einen Sohn. Sein Name ist Titus. Er hat acht Monate in mir gelebt. Wir haben mit ihm gesprochen, wir haben ihn auf dem 3D-Ultraschall gesehen, er hat auf unsere Stimmen reagiert. Und wir konnten uns nach seiner stillen Geburt noch drei Tage von ihm verabschieden.

Betroffene Eltern leben den schlimmsten Albtraum eines jeden Elternteils: das eigene tote Kind im Arm zu halten.
Der Verlust und die Sehnsucht nach dem eigenen Kind, das gerade noch fit und munter im Bauch getreten hat, sind unvorstellbar. Dazu kommen all die Entscheidungen, die man in dieser Ausnahmesituation treffen muss: natürliche Geburt oder Kaiserschnitt, Abstill-Medikamente, Obduktion, Erdbestattung oder Feuerbestattung.
Besonders schwer ist für viele die gesellschaftliche Relativierung. Der Satz, man habe das Kind ja noch nicht gekannt.
Das ist ein großer Trugschluss. Du warst schwanger. Dein Bauch war unübersehbar. Ihr habt als Paar über eure Zukunft geträumt. Ihr hattet einen Namen. Die Kleidung war gewaschen. Der Kinderwagen stand bereit. Alle warteten auf das neue Familienmitglied. Und dann haltet ihr euer totes Kind im Arm.
Das Kind hat gelebt. In meinem Bauch. Es wurde geboren. Und es lag in unserem Arm.
Es ist egal, wie klein die Füße waren. Sie hinterlassen tiefe und nicht ersetzbare Spuren.
Besonders verletzend ist es, wenn das Umfeld die Stille nicht aushalten kann und dann irgendetwas sagt, nur um etwas zu sagen.
Zum Beispiel: „Ihr kanntet euer Kind ja noch nicht.“ Oder wenn falsche Begriffe verwendet werden, etwa „Fehlgeburt“. Auch Sätze wie „Wer weiß, wofür es gut war“, „War es denn krank?“, „Ihr seid ja noch jung, ihr werdet noch Kinder bekommen“ oder „Wenn es nach drei Monaten gestorben wäre, wäre es noch schlimmer gewesen“ verletzen sehr.
Auch Fragen wie „Hast du denn gar nichts gemerkt?“ sind schlimm. Als hätte man das eigene Kind bewusst sterben lassen.
Schmerzhaft ist außerdem die Erwartung, dass man schnell wieder zur Tagesordnung übergeht. Und wenn niemand das Kind beim Namen nennt.
Da jeder Mensch anders trauert, ist es wichtig, jede Art von Trauer zu akzeptieren.
Wir brauchten absolute Stille und Rückzug. Wir wollten niemanden hören und sehen. Andere brauchen Ablenkung, Familie oder Freunde. Trauernde wissen oft selbst nicht, was sie brauchen, weil sie komplett überfordert sind.
Hilfreich ist proaktives, ehrliches und wohlwollendes Handeln. Zum Beispiel zu fragen: Soll ich Familie und Freunde informieren? Soll ich Anrufe mit Behörden übernehmen? Kann ich euch etwas kochen? Kann ich Haustiere oder Geschwisterkinder abnehmen?
Wichtig sind Zeit und Ruhe. Keine Floskeln. Keine Worthülsen. Kein Relativieren.
Blumen helfen. Beileidskarten helfen. Alles, worauf der Name des verstorbenen Kindes steht, hilft: Ketten, Socken mit Namen, ein Armband. Auch die Väter dürfen nicht vergessen werden. Und auch weitere Familienmitglieder und Großeltern sollten gefragt werden, wie sie mit dem Verlust umgehen.
Die Elternschaft anzuerkennen und die Eltern als Mama und Papa anzusprechen, ist sehr heilsam. Nicht nur in der akuten Anfangsphase, sondern auch viele Monate später. Trauer ist nicht linear. Und wichtig ist auch: zu akzeptieren, dass diese Menschen sich verändert haben.

Wenn Großeltern einen guten Draht zu ihren Kindern haben, wird oft übersehen, dass sie doppelt trauern.
Sie können ihren eigenen Kindern den Schmerz nicht nehmen und sehen sie leiden. Gleichzeitig vermissen sie ihr Enkelkind.
Sie funktionieren oft in erster Linie als Eltern trauernder Kinder und trauen sich selbst kaum zu, zu trauern. Viele gestehen sich nicht zu, dass es auch ihnen schlecht gehen darf.
Dabei stehen viele verwaiste Großeltern mit 55 oder 60 Jahren noch mitten im Arbeitsleben. Auch ihr Schmerz wirkt sich aus: auf Konzentration, auf den Blick aufs Leben und auf das gesamte Umfeld.
Wir Deutschen sind absolute Verdrängungskünstler. Wir können schlecht mit Emotionen umgehen: mit Trauer, Weinen, Schwäche oder damit, einfach mal Stille auszuhalten.
Jeder meint, etwas sagen zu müssen. Dabei würde oft reichen: „Was dir passiert ist, tut mir unendlich leid. Dein Kind hat eine tolle Mama. Dein Kind hat einen tollen Papa.“
Der Tod an sich wird schon gern verdrängt. Wenn es dann um den Tod eines Kindes geht, sind viele komplett überfordert.
Aber gerade hier zeigt sich menschliche Stärke. Schönwetter-Freundschaften, Beziehungen und Kontakte können viele tragen. Doch wenn eine Krise eintritt, zeigt sich oft die wahre Stärke eines Menschen.
Es braucht mutige und authentische Menschen, die über den Tod von Kindern sprechen. Denn nur wer versteht, kann mitfühlen. Und wer mitfühlt, kann mittragen.
Dir ist auch wichtig, Trauer in Unternehmen sichtbar zu machen. Warum?
Weil ich es selbst erlebt habe: den Verlust, den Umgang der Gesellschaft und die Rückkehr ins Arbeitsleben.
Es beginnt schon damit, dass viele Arbeitgeber die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht kennen. Hier startet die Fehler-Odyssee oft bereits. Auch stimmen Wort und Tat häufig nicht überein. Wenn jemand sagt: „Nimm dir die Zeit, die du brauchst“, dann sollte man auch dazu stehen.
Viele Betroffene kehren irgendwann zurück in den Job. Manche suchen Struktur, Halt, Alltag und Ablenkung. Gleichzeitig fühlen sie sich oft nicht gesehen und nicht ernst genommen. Die Konzentration schwindet, Gedanken kreisen, banale Gespräche fallen schwer. Die Frage „Wie geht’s?“ wird für viele zum Drahtseilakt.
Wenn Kolleginnen und Kollegen den Verlust vermeiden, schmerzt das zusätzlich. Anfangs gibt es oft Verständnis. Nach ein paar Monaten stellt sich im Umfeld Normalität ein und damit die Erwartung, dass man wieder funktioniert.
Die Überforderung von Führungskräften führt oft zu Sprachunfähigkeit und Fehlverhalten. Das kann dazu führen, dass trauernde Mitarbeitende innerlich kündigen. Wer hier nicht frühzeitig interveniert, aktiv ins Gespräch geht und trauernde Mütter und Väter dort abholt, wo sie stehen, riskiert Gleichgültigkeit, fehlende Zugehörigkeit und lange Ausfallzeiten.
Mentale Gesundheit hat in den letzten Jahren zum Glück mehr Aufmerksamkeit bekommen. Dazu zählen Krisen aller Art: Erschöpfung, Dauerstress, Angststörungen, Depressionen, Süchte und Überforderung. All das kann Denken, Handeln und Fühlen beeinträchtigen.
Der Verlust eines geliebten Menschen wird dabei jedoch häufig ausgeklammert. Dabei gehören Tod und Leben untrennbar zusammen. Jeder Mensch kommt im Laufe seines Lebens mit Verlust in Berührung.
Wer Trauer nicht richtig lebt, bearbeitet oder sie unterdrückt, läuft große Gefahr, psychisch zu erkranken. Deshalb gehört Trauer für mich ganz klar zur mentalen Gesundheit.
Jede nicht geweinte Träne und jede Emotion stellt sich hinten wieder an.
Trauer braucht Zeit, Unterstützung, Mitgefühl und Verständnis. Sonst verlieren wir nicht nur Menschen, sondern auch Menschlichkeit.
In erster Linie: Mensch sein. Weg von Hierarchien und Distanzen.
Jede Führungskraft sollte die rechtlichen Rahmenbedingungen und die richtigen Begriffe kennen: Mutterschutzfristen, Unterschiede zwischen Fehlgeburten und stillen Geburten und auch die Auswirkungen von Trauer auf den menschlichen Körper.
So wie einem Mitarbeitenden zur Geburt eines Kindes gratuliert wird, kann auch hier die Elternschaft anerkannt werden. Zum Beispiel durch eine Karte, in der Mitgefühl ausgesprochen wird, oder durch Blumen. Denn auch diese Eltern sind Eltern geworden.
Wichtig ist, anzuerkennen, was da ist. Zeit zu geben. Die Rückkehr proaktiv anzusprechen. Kolleginnen und Kollegen aufzuklären. Gemeinsam zu besprechen, wie man die Rückkehr menschlich und respektvoll gestalten kann.
Trauernde Mitarbeitende sind immer noch kompetente Menschen. Sie befinden sich nur in einem Ausnahmezustand. Es geht darum, ihnen mit Respekt zu begegnen und gleichzeitig Mitgefühl und Flexibilität zu bieten.
Auch besondere Tage sollten im Blick behalten werden: Muttertag, Vatertag, Todestag, Weihnachten oder Ostern. An solchen Tagen kann trauriges oder abwesendes Verhalten besonders deutlich werden.

Janines Podcast "Herzspuren” findet ihr auf allen bekannten Streaming-Plattformen oder unter www.herzspuren.org
Es bleibt die größte Herausforderung im Leben eines Menschen, sein Kind zu beerdigen.
Aber ich möchte vorangehen und Mut machen: Wenn man selbst Lebenswillen hat, schafft man es, mit diesem Verlust weiterzuleben. Irgendwann kann man auch wieder ohne Schuldgefühle lachen und die Schönheit und Besonderheit des Lebens erkennen.
Wir haben alle nur dieses eine Leben. Und eure Kinder würden wollen, dass ihr etwas daraus macht.
Man kann auch eine sogenannte Superpower entwickeln, weil man das Schlimmste im Leben bereits erlebt hat. Man wird mutiger, klarer und setzt mehr Grenzen.
Die Liebe und Sehnsucht werden immer bleiben. Und das ist auch gut so.
Ich möchte Sternenkind-Eltern außerdem dringend mitgeben: Verliert euch als Paar nicht. Stellt keine Erwartungen an den anderen. Verliert die Verbindung zueinander nicht. Denn die Trauer um ein Kind hat eine große Wucht und ist eine sehr große Last für eine Beziehung.
Jeder sagt immer, er würde für sein Kind sterben. Sterneneltern würde ich fragen: Würdest du für dein Kind auch leben?
Die Ressource Mensch ist das wichtigste Kapital von Firmen.
Es ist zwingend erforderlich, sich mit Tod und Trauer am Arbeitsplatz zu beschäftigen. Denn diese Themen enden nicht am Arbeitsplatz.
Trauerbegleitung wird nicht bezahlt, Therapieplätze sind rar, und die richtige Betreuung zu finden ist oft schwer, herausfordernd und langwierig.
Unternehmen sollten statt in Obstkörbe oder ein Stadtrad lieber in Trauerbegleitung für betroffene Mitarbeitende investieren, zum Beispiel für sechs Wochen. Das sorgt langfristig dafür, dass Mitarbeitende sich gesehen und gehalten fühlen.
Denn wie in einem Eheversprechen gilt auch für Unternehmen: Erst in Krisen zeigen sich wahre Führung und Loyalität.
Liebe Janina, vielen Dank für deine offenen Worte und alles Gute für deine Zukunft.
Das Thema der stillen Geburt liegt uns und unseren Expert*innen sehr am Herzen. Aus diesem Grund gibt es hier bei uns auf der Plattform einen kostenlosen Online-Kurs, der schnell und unkompliziert Hilfe in dieser akuten Situation leisten soll.

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