
von Informationswissenschaftlerin & Medienpädagogin (i.A.) Nina Markgraf
15.05.2026
In vielen Familien beginnt der Streit um Medienzeit nicht damit, dass ein Kind an den Bildschirm darf. Er beginnt in dem Moment, in dem der Bildschirm wieder ausgehen soll.
Vorher war vielleicht alles ruhig. Das Kind hat geschaut, gespielt oder sich beschäftigt. Für einen Moment war Entlastung da. Doch sobald das Ende angekündigt wird, verändert sich die Stimmung. „Nur noch eine Folge.“ Manchmal wird geweint. Manchmal geschrien. Manchmal verhandelt. Und manchmal sind Eltern selbst so erschöpft, dass sie entweder nachgeben oder sehr hart werden, obwohl sie es eigentlich anders wollten.
Die gute Nachricht ist: Eltern können Medienübergänge verändern. Nicht immer sofort. Nicht perfekt. Aber Schritt für Schritt. Dafür lohnt es sich, nicht nur auf das Ausschalten selbst zu schauen. Denn der Übergang beginnt viel früher.
Digitale Medien sind häufig sehr intensiv: Sie bieten schnelle Bilder und Geräusche, ständige Belohnungen und immer etwas Neues zu sehen. Das Gehirn ist dabei stark beschäftigt und bleibt in hoher Aktivierung.
Wenn diese Reize plötzlich enden, muss das Kind umschalten. Es muss stoppen, loslassen, Frust aushalten und sich wieder dem Alltag zuwenden. Für Erwachsene klingt das vielleicht einfach. Für Kinder ist genau das oft schwer.
Die innere Bremse, die beim Stoppen und Regulieren hilft, ist noch nicht vollständig entwickelt. Deshalb reicht es oft nicht, nur zu sagen: „Mach jetzt aus.“
Kinder brauchen nicht nur eine Grenze. Sie brauchen Unterstützung, um diese Grenze zu bewältigen.
Viele Konflikte entstehen, weil der Rahmen zu unklar ist. Sätze wie „Du darfst kurz schauen“ oder „Ein bisschen Tablet ist okay“ sind im Alltag schnell gesagt. Für Kinder sind sie aber schwer einzuschätzen.Was bedeutet kurz? Wann ist ein bisschen vorbei? Wer entscheidet, wann Schluss ist? Je unklarer der Anfang, desto schwieriger wird das Ende.
Hilfreicher sind konkrete Absprachen:
„Wir schauen eine Folge. Danach gehen wir ins Bad.“ „Du spielst dieses Level fertig. Danach speichern wir und machen aus.“ „Wir schauen bis zum Abendessen. Wenn ich dich rufe, ist die Medienzeit vorbei.“
Der Rahmen sollte nicht erst dann entstehen, wenn das Kind schon tief im Bildschirm versunken ist. Er gehört an den Anfang.
Viele Eltern arbeiten mit Minuten. Das ist verständlich, weil Zeit für Erwachsene logisch ist. Für Kinder ist Zeit aber oft abstrakt. „Noch zehn Minuten“ kann sich für ein Kind kaum greifbar anfühlen. Besonders jüngere Kinder haben noch kein sicheres Gefühl dafür, wie lange zehn Minuten dauern.
Manchmal sind andere Einheiten hilfreicher: Eine Folge. Ein Level. Ein Kapitel. Eine Runde. Ein klar sichtbarer Abschluss.
Auch manche Spiele haben kein klares Ende und hier brauchen Eltern trotzdem eine äußere Struktur.
Das bedeutet nicht, dass Kinder endlos weiterschauen dürfen. Es bedeutet, dass das Ende verständlicher wird.
Natürlich müssen Eltern darauf achten, dass diese Einheiten wirklich begrenzt sind. Eine Folge, die automatisch in die nächste übergeht, ist kein guter Abschluss, wenn das Kind dadurch immer weiter hineingezogen wird.
Ein häufiger Fehler ist, dass Eltern erst am Ende wieder auftauchen. Das Kind ist tief im Bildschirm. Es hat lange keine Verbindung zum Raum, zur Familie oder zum nächsten Schritt gehabt. Und dann kommt plötzlich: „So, jetzt aus.“ Für viele Kinder fühlt sich das abrupt an.
Verbindung während der Medienzeit kann helfen, den Übergang weicher zu machen. Das muss nicht bedeuten, dass Eltern die ganze Zeit daneben sitzen. Es geht nicht um Dauerbegleitung, sondern um punktuelle Orientierung.
Manchmal reicht ein kurzer Kontakt:
„Ich sehe, du bist gerade richtig drin.“ „Das ist jetzt die letzte Folge.“ „Wenn sie vorbei ist, komme ich und wir machen zusammen aus.“ „Danach gehen wir in die Küche.“
Diese kurzen Sätze holen das Kind nicht komplett aus der Medienzeit heraus, aber sie bauen eine Brücke zurück in den Alltag.
Wenn der Bildschirm ausgeht, ist der schwierigste Moment oft noch nicht vorbei. Für viele Kinder beginnt er dann erst. Deshalb ist es hilfreich, den Übergang nicht als reinen Stopp zu sehen, sondern als Wechsel.
Ein Stopp klingt so: „Mach aus.“ Ein begleiteter Übergang klingt eher so: „Die Folge ist vorbei. Wir machen jetzt aus. Ich sehe, dass dir das schwerfällt. Komm, wir gehen zusammen in die Küche.“
Das ist nicht weich im Sinne von beliebig. Die Grenze bleibt bestehen. Aber das Kind wird mit dem schwierigen Gefühl nicht allein gelassen. Gerade in diesem Moment ist es oft wenig hilfreich, lange zu erklären oder zu diskutieren. Wenn ein Kind schon sehr wütend ist, ist es meist nicht gut erreichbar für Logik. Dann helfen kurze, klare und ruhige Sätze.
Viele Eltern denken, der Übergang sei geschafft, sobald der Bildschirm aus ist. Doch für das Nervensystem, also die innere Anspannung und Aktivierung des Kindes kann der Wechsel noch weitergehen. Nach Medienzeit sind manche Kinder aufgedreht. Andere sind gereizt. Manche wirken leer oder finden in nichts hinein.
Dann hilft etwas, das wieder im Körper und im Alltag verankert.
Das kann sein:
Wichtig ist: Das Danach sollte nicht als Strafe wirken. Es ist eine Brücke. „Jetzt ist Schluss, geh weg“ fühlt sich anders an als: „Jetzt ist Schluss, und ich helfe dir, wieder anzukommen.“
Co-Regulation bedeutet: Ein Kind nutzt die Ruhe, Klarheit und Präsenz eines Erwachsenen, um selbst wieder ruhiger zu werden. Das heißt nicht, dass Eltern alles erlauben. Und es heißt auch nicht, dass Eltern jede Wut sofort wegmachen müssen.
Co-Regulation bedeutet eher:
Ein möglicher Satz ist: „Ich sehe, dass du sehr wütend bist. Die Medienzeit ist trotzdem vorbei. Ich bleibe bei dir.“
Das ist oft wirksamer als lange Erklärungen in einem Moment, in dem das Kind ohnehin nicht gut zuhören kann.
Auch mit guter Begleitung wird nicht jeder Übergang sofort friedlich. Kinder dürfen enttäuscht sein. Sie dürfen wütend sein. Sie dürfen traurig sein, dass etwas Schönes vorbei ist. Das Ziel ist nicht, dass dein Kind nie wieder protestiert.
Das Ziel ist, dass Medienzeit nicht jedes Mal in einen eskalierenden Machtkampf führt. Dass du selbst klarer bleibst. Dass dein Kind nach und nach lernt, Übergänge besser zu bewältigen.
Das braucht Wiederholung. Und es braucht Eltern, die verstehen, was in diesen Momenten passiert.
Fazit: Nicht nur das Ende zählt
Medienzeit wird nicht allein dadurch entspannter, dass Eltern härter werden. Sie wird entspannter, wenn Klarheit, Beziehung und Verständnis zusammenkommen.

Im Webinar „Nie wieder Streit um Medienzeit“ zeigt Nina Markgraf, wie Eltern Medienübergänge im Familienalltag besser verstehen und begleiten können. Es geht um kindliche Selbststeuerung, starke Reize, Stress, Co-Regulation und konkrete Strategien für vor, während und nach der Medienzeit.
Termin: 19.05. um 19:30 Uhr Preis: 39 Euro Die Aufzeichnung ist für 6 Monate inklusive.
Wenn du nicht live dabei sein kannst, kannst du dir das Webinar später anschauen.
Nina ist Studierte Informationswissenschaftlerin (M.Sc.) & Fachkraft für Medienpädagogik in Ausbildung. Sie ist Gastexpertin für bedürfnisorientierten Umgang mit Medien im Familienalltag. In ihrer Arbeit verbindet sie entwicklungspsychologisches Wissen mit einem bindungsorientiertem und neurobiologischem Blick auf Kinder und Eltern. Ihr Fokus liegt darauf zu erklären, warum Medien oft zu Konflikten führen und wie wir unsere Kinder von früh an unterstützen, einen gesunden Umgang mit Medien zu erlernen.
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